Skip to main content

Der politische Appell richtet sich an die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene

Der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt gefährdet nicht nur Ökosysteme, sondern zunehmend auch die wirtschaftlichen Grundlagen der Lebensmittelproduktion. Intakte Böden, stabile Wasserhaushalte, und funktionierende Bestäubungsleistungen sind keine ökologische Zusatzleistung, sondern zentrale Produktionsfaktoren. Ohne sie sind langfristig weder Erträge noch Qualität oder Versorgungssicherheit gewährleistet. Vor diesem Hintergrund haben sich Lebensmittelhersteller und -handel, Standardorganisationen, Umweltverbände und wissenschaftliche Einrichtungen im Verein Food for Biodiversity zusammengeschlossen. Gemeinsam verfolgen wir ein klares Ziel: biologische Vielfalt (Biodiversität) systematisch und flächendeckend in die Lebensmittel-Lieferketten zu integrieren.

Mit der Roll-out-Strategie des Basis-Sets Biodiversitätskriterien für Anbaugebiete in gemäßigten Breiten [1] gehen wir nun den entscheidenden Schritt von Pilotprojekten in die flächendeckende Umsetzung. Unsere Mitglieder übernehmen dabei freiwillige Selbstverpflichtungen, indem sie Biodiversitätskriterien verbindlich in Einkaufsrichtlinien, Lieferbeziehungen und die Auswahl sowie Weiterentwicklung von Standards für nachhaltige Landwirtschaft integrieren. Der Roll-out für das Basis-Set für tropische und sub-tropische Regionen soll in einem nächsten Schritt bis Ende 2026 verabschiedet werden.

Unser Engagement für Biodiversitätsverantwortliche Beschaffung

Das Basis-Set übersetzt gemeinsame Zielsetzungen in konkrete Anforderungen für die Praxis und schafft eine einheitliche Grundlage für den Biodiversitätsschutz entlang der Lieferkette. Im Fokus stehen zentrale Hebel mit nachweislicher Wirkung, wie das Schaffen von Flächen für Biodiversität, Gewässerschutz, Alternativen zum Einsatz chemischer Pestizide und die Förderung der Bodengesundheit.

Durch die Integration dieser Anforderungen in Standards und Beschaffungsprozesse werden biodiversitätsfördernde Maßnahmen aus Pilotvorhaben in reguläre Warenströme überführt und skaliert. Das Basis-Set bietet damit eine praxiserprobte Grundlage für die Integration von Biodiversitätsanforderungen in Förder-, Reporting- und Beschaffungssysteme.

Die Lebensmittelwirtschaft ist bereit, Verantwortung zu übernehmen und über gesetzliche Mindestanforderungen hinauszugehen. Freiwillige Selbstverpflichtungen sind dabei kein Ersatz für Regulierung, sondern ein zentraler Umsetzungsmechanismus. Politik kann dazu beitragen, ihre Wirksamkeit zu erhöhen, indem sie Anreize setzt, Mindestanforderungen definiert, Wirkung absichert und eine flächendeckende Umsetzung erleichtert.

Unterstützende politische Rahmenbedingungen

Wir fordern politische Entscheidungsträger:innen auf nationaler und europäischer Ebene auf, freiwillige Selbstverpflichtungen von Lebensmittelunternehmen gezielt zu stärken und zu incentivieren, sowie die Leistungen landwirtschaftlicher Betriebe für den Schutz und die Förderung der biologischen Vielfalt adäquat und verlässlich zu honorieren:

  1. Biodiversität als Investition anerkennen

Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt tragen zur langfristigen Sicherung von Produktionsgrundlagen, sowie zur Risikominimierung und zur Stabilisierung von Lieferketten bei. Biodiversitätsschutzmaßnahmen müssen daher stärker als Investition in Resilienz, Standort- und Versorgungssicherheit anerkannt und als solche behandelt werden. Diese Perspektive muss verbindlich in Förderlogiken, Bewertungsmaßstäben und politische Zielsetzungen einfließen. Investitionen in Biodiversität sind steuerlich anzuerkennen und anderen Vorsorge- und Zukunftsinvestitionen gleichzustellen. Sonderinvestition in Biodiversität sollen steuerlich begünstigt werden. Zudem sind verbesserte Finanzierungsbedingungen erforderlich, etwa durch gezielte Kreditangebote, die Biodiversitätsleistungen berücksichtigen.

  1. Ambitionierte freiwillige Maßnahmen gezielt fördern

Besonders ambitionierte und wirksame Biodiversitätsmaßnahmen werden im aktuellen Förderrahmen nicht ausreichend adressiert. Förderprogramme sind vielfach flächen- oder maßnahmenbasiert ausgestaltet, anstatt sich konsequent an nachweislicher Wirkung zu orientieren. Dadurch fehlen Anreize, über gesetzliche Mindestanforderungen hinauszugehen.

Öffentliche Mittel – insbesondere im Rahmen der GAP – müssen konsequent auf nachweislich wirksame Biodiversitätsleistungen ausgerichtet werden. Höhere Leistungen sind deutlich besser zu honorieren. Erforderlich sind verlässliche, langfristige Förderbedingungen, eine klare Fokussierung auf besonders wirksame Maßnahmen sowie deutlich vereinfachte Zugangsbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe.

Zugleich müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen so ausgestaltet werden, dass öffentliche Fördermittel und private Prämien entlang der Lieferkette gezielt kombiniert werden können. Eine solche öffentlich-private Kofinanzierung erschließt zusätzliche Finanzierungsquellen und macht ambitionierte Biodiversitätsmaßnahmen wirtschaftlich tragfähig und attraktiver für landwirtschaftliche Betriebe.

Gleichzeitig darf die wirtschaftliche Last nicht allein bei der Landwirtschaft liegen. Erforderlich sind eine faire Kostenverteilung sowie gezielte Anreizsysteme entlang der gesamten Wertschöpfungskette, etwa durch Prämienmodelle, eine stärkere Beteiligung der Lebensmittelwirtschaft und verbesserte Finanzierungsbedingungen. Besonderer Förderbedarf besteht insbesondere bei konkreten Flächenmaßnahmen in der landwirtschaftlichen Produktion, beispielsweise einem Mindestanteil von 10 % naturnaher bzw. natürlicher Habitate sowie 10‑Meter-Pufferstreifen an dauerhaft wasserführenden Gewässern.

  1. Freiwilliges Engagement regulatorisch anerkennen und belohnen

Lebensmittelunternehmen, die ambitionierte Biodiversitätsanforderungen umsetzen, profitieren bislang kaum – etwa durch fehlende Berücksichtigung in Nachhaltigkeitsberichterstattung, Sorgfaltspflichten oder der EU-Taxonomie. Freiwilligkeit funktioniert langfristig am besten, wenn sie sich rechnet. Deshalb fordern wir keine Regulierung um ihrer selbst willen, sondern gezielte Rahmenbedingungen, die Vorreiter belohnen und Trittbrettfahrer nicht bevorteilen.

Vor diesem Hintergrund sollten freiwillige Standards – etwa jene der ökologischen Landwirtschaft oder mit ehrgeizigen Biodiversitätskriterien – in regulatorischen Rahmen berücksichtigt werden, beispielsweise durch die Anerkennung bestehender Zertifizierungen bei Kontroll- und Nachweisverfahren oder durch die Verknüpfung von Standards mit steuerlichen Anreizen

Zertifizierungen könnten zudem als Nachweis für die Erfüllung bestimmter Anforderungen in Förder- oder Unterstützungssystemen, etwa im Rahmen der GAP, anerkannt werden. Dadurch ließen sich wirksame Anreize für biodiversitätsfördernde Maßnahmen schaffen, ohne zusätzliche Kontrollsysteme aufbauen zu müssen.

  1. Politische Kohärenz und Planungssicherheit gewährleisten

Unterschiedliche Vorgaben aus Agrarpolitik, Umweltrecht, Nachhaltigkeitsberichterstattung und Lieferkettenregulierung führen zu hohen Transaktionskosten und Planungsunsicherheit – insbesondere für landwirtschaftliche Betriebe. Diese Hürden bremsen nicht nur den Willen der Akteure, sondern auch die Wirkung freiwilliger Lösungen.

Um dem entgegenzuwirken, müssen politische Vorgaben aus Umwelt-, Agrar- und Wirtschaftspolitik konsequent aufeinander abgestimmt werden. Es braucht verbindliche, konsistente Rahmenbedingungen sowie klare langfristige Entwicklungspfade, die Lebensmittelunternehmen und landwirtschaftlichen Betrieben verlässliche Investitionsentscheidungen ermöglichen. Wir bieten die Expertise von Food for Biodiversity an, um partnerschaftlich mit politischen Entscheidungsträgern an ganzheitlichen Lösungen zu arbeiten.

  1. Ambitionierte Standards in der öffentlichen Beschaffung verankern

Öffentliche Beschaffung setzt bislang kaum Anreize für biodiversitätsfördernde Wirtschaftsweisen. Biodiversitätskriterien sind in Vergaberichtlinien entweder nicht verankert oder spielen eine untergeordnete Rolle, sodass ambitionierte Standards keinen systematischen Marktvorteil erhalten. Dadurch bleiben wichtige Nachfragesignale aus, die notwendig wären, um Investitionen in Biodiversität entlang der Wertschöpfungskette anzustoßen.

Öffentliche Beschaffung muss gezielt als Hebel für Biodiversität genutzt werden. Vergaberichtlinien sollten einen verbindlichen Mindestanteil der von Food for Biodiversity empfohlenen Standards bei der Beschaffung verlangen. Eine Möglichkeit wäre auch den interministeriellen Arbeitskreis zu nachhaltiger öffentlicher Beschaffung einzubinden. So werden klare Marktsignale gesetzt und Investitionssicherheit geschaffen.

Fazit: Freiwilligkeit wirksam machen

Als Branchenverein engagieren wir uns entlang unserer Lieferketten für den Schutz der Biodiversität. Mit dem Roll-out des Basis-Sets an Biodiversitätskriterien haben wir uns eine ambitionierte, messbare und skalierbare Selbstverpflichtung gesetzt – einschließlich konkreter terminierter Ziele für die biodiversitätsverantwortliche Beschaffung von Risikorohstoffen. Als Teil dessen werden bereits zehn Mitglieds-Standards von Food for Biodiversity für eine biodiversitätverantwortliche Beschaffung empfohlen. Die inhaltlichen Lösungen sind vorhanden, und die Bereitschaft zur Umsetzung ist in Wirtschaft und Zivilgesellschaft gegeben. Was jetzt fehlt, ist ein politischer Rahmen, der Vorreiter nicht benachteiligt und Wirkung belohnt. Wir bitten den Ausschuss, die hier formulierten Maßnahmen in die laufenden Beratungen zur GAP-Umsetzung und zur Nachhaltigkeitsberichterstattung einzubeziehen.

Disclaimer: Dieser politische Appell wurde im Rahmen von Food for Biodiversity e. V. erarbeitet.  Der Appell basiert auf einem gemeinsam erarbeiteten Konsens der Mitgliedsorganisationen und spiegelt die gemeinsamen Positionen des Netzwerks wider. Einzelne Detailpositionen können dabei von den Ansichten einzelner Mitglieder abweichen.

PDF herunterladen

Weitere Artikel